Für wen ist die Behandlungsmethode geeignet?
Die im Forschungsstadium befindliche Behandlungsmethode ist für Blinde
geeignet, deren Sehnerven und die dazugehörigen Hirnregionen noch intakt sind,
wie es z.B. bei der erblichen Netzhauterkrankung Retinitis Pigmentosa der Fall
ist.
Der eingesetzte Netzhaut-Chip übernimmt die Funktion der abgestorbenen
Sehzellen. Anschließend leistet die Netzhaut die für die Bilderkennung wichtige
Übersetzungsarbeit. Die elektrischen Impulse werden über die Sehnervenfasern an
die Sehrinde des Gehirns weitergeleitet und ermöglichen dort die
Seh-Wahrnehmung.
Die Forscherteams waren vor vielfältige Fragen gestellt, die erfolgreich
gelöst wurden, u.a. ob sich ein Fremdkörper dauerhaft unter die Netzhaut in die
Nähe der Stelle des schärfsten Sehens platzieren lässt, wie haltbar die
Chip-Materialien in den Augenflüssigkeiten sind oder inwieweit die Signalstärke
aus den winzigen Photodioden ausreicht, um die Nachrichtenkette ins Gehirn
anzustoßen. Erforscht werden mussten auch die Schwellen für die elektrische
Reizung von Sehnervenzellen.
Ziel des Projekts ist es, durch das Einsetzen des Implantates ein gewisses
Sehvermögen wiederherzustellen, das im praktischen Leben nutzbar ist und
zumindest eine Orientierung, z.B. die Lokalisation von Gegenständen, erlaubt. In
zahlreichen Versuchen (tw. im Tiermodell) wurden vorab Schwellen für die
elektrische Reizung von Sehnerven und die Grenzwerte für einen sicheren Einsatz
bestimmt. Die Pilotstudie sollte die Sicherheit und Verträglichkeit sowie die
Funktionsergebnisse im Rahmen einer auf vier Wochen begrenzten Implantation
prüfen. Sie diente dem Erkenntnisgewinn bezüglich einer Vielzahl von technischen
und medizinischen Daten, die für die weitere Optimierung des Netzhautchips
unerlässlich sind.
Die Studie wurde an der Universitäts-Augenklinik Tübingen in Zusammenarbeit
mit der Universitäts-Augenklinik Regensburg durchgeführt. Die Implantationen und
Funktionsuntersuchungen fanden in Tübingen statt.
Wie ist der Stand der Dinge?
Sieben Patienten wurden erfolgreich und mit gutem Heilungsverlauf operiert.
Alle Patienten haben das von Privatdozent Dr. Sachs oder von Prof. Bartz-Schmidt
operativ unter die Netzhaut eingebrachte Implantat gut vertragen. Es gab keine
Netzhautablösungen, Entzündungen, Abstoßungsreaktionen, schweren Blutungen oder
ähnliches. Auch das von Dr. Dorothea Besch und Dr. Florian Gekeler verlegte
Energie-Zuführungskabel unter der Gesichts- und Kopfhaut machte keinerlei
Probleme. Netzhautschwellungen konnten gut behandelt werden; kleine Blutungen
wurden rasch resorbiert. Das neuartige, durch die Aderhaut des Auges hindurch
ausgeführte Operationsverfahren kann als sicher gelten.
Die elektrische Stimulation erbrachte eine Fülle wichtiger und wertvoller
Erkenntnisse über das Antwortverhalten der Netzhaut und damit für die günstigste
elektronische Einstellung des Chips. Bereits während der Studie konnten einige
technische Verbesserungsschritte vorgenommen werden. Durch die elektrischen
Reize konnten Patienten Licht in bestimmten Formen und Mustern wahrnehmen.
Sehwahrnehmungen über den Chip selbst machten das Erkennen und Lokalisieren von
Lichtquellen (Fenster, Lampe) möglich, was für die selbstständige Orientierung
von großer Bedeutung ist. Teilweise bemerkten und orteten die Patienten helle
Gegenstände (z.B. Geschirr) auf dunklem Hintergrund.
Die Pilotstudie (Leiter: Prof. Dr. Zrenner, Koordination: PD Dr. Barbara
Wilhelm) erbrachte äußerst wertvolle Daten zur Stärke der Reizströme, ihrer
optimalen Dauer und Polarität, zur zeitlichen Folge von Lichtreizen, zur
räumlichen Auflösung, zur Homogenität und Stabilität der Wahrnehmungen sowie zur
Verträglichkeit und Reaktivität der Netzhaut.
Alle Patienten erlebten die Studienteilnahme, trotz der Belastungen durch die
Operation und der oft langwierigen Testverläufe, als rundum positives,
spannendes Erlebnis. Am Ende der Studie erklärten sie, dass sie ihre
Entscheidung zur Teilnahme wieder so treffen würden.
Wie geht es weiter?
In einer zweiten Phase wird die Pilotstudie fortgesetzt und weiter an der
Verbesserung der Implantierbarkeit und Chipfunktion gearbeitet.
Weitere Informationen
Für Informationen zur Patientenrekrutierung, wenden Sie sich bitte an die
Universitäts-Augenklinik des Universitätsklinikums Tübingen oder die
Servicetelefon-Nummer +49 (0) 71 21 - 36 403 0.
Frau Dr. Wilhelm
Universitäts-Augenklinik Tübingen
Schleichstr. 12-16
Tel.: 07071 / 29 8 48 98
E-Mail: barbara.wilhelm@med.uni-tuebingen.de
Auch die Ärztlichen Direktoren der Universitäts-Augenkliniken in Tübingen und
Regensburg stehen für medizinische Fragestellungen gerne zur Verfügung:
Prof. Dr. med. E. Zrenner
Universitäts-Augenklinik Tübingen
Tel.:
+49 (70 71) 29 8 47 86 oder 29 8 73 11
Prof. Dr. med. V.-P. Gabel
Universitäts-Augenklinik Regensburg
Tel.: +49 (09 41) 9 44 92 01
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